Aus dem Vorwort der Neuauflage

Am Beginn wohl eines jeden Studiums der Erziehungswissenschaft gibt es eine Pflichtveranstaltung, eine Einführung in die Erziehungswissenschaft, so war und ist das auch an der Universität Siegen. Eine Vorlesung mit diesem Thema habe ich in meiner Dienstzeit regelmäßig gehalten; und auf die geht der Text zurück, den ich hier vorlege.

Den Anfang hatten die damals üblichen ›Thesen‹ gemacht. Eine erste Druckfassung erschien dann 1998 im Auer Verlag. Irgendwann war das Buch nicht mehr zu haben; und ich hatte ohnehin den Eindruck, dass der Text überarbeitet werden müsse. Das habe ich dann unternommen, und dabei ist ein E-Book herausgekommen. In einigen meiner Lehrveranstaltungen diente es mir als Arbeitsgrundlage – zufrieden war ich immer noch nicht. Ich hatte zwar das eigenartige Etwas namens ›ErziehungUndBildung‹ schon so weit auseinander genommen, dass ich mir unter den Bestandteilen seines Namens Unterscheidbares vorstellen konnte. Aber die Darstellung führte immer wieder an Punkte, an denen die Beiden sich nicht trennen wollten. Das ist keine schöne Situation, wenn man Studienanfänger gleich zu Beginn ihres Studiums ein paar verlässliche Wegweiser in dasselbe aufstellen möchte.

Ein ganz anderes Problem ergab sich aus dem Umgang mit dem Trägermedium E-Book. Bei der Arbeit mit dem Text entschied sich die große Mehrzahl für einen Papierausdruck. Den großen Vorzug von E-Dokumenten hingegen, die direkten Verknüpfungen mit zusätzlichen Informationen, nutzen die meisten ›eher nicht‹, wie sie ankreuzten. Ich kann das inzwischen verstehen: Informationen hole auch ich mir gerne aus dem Netz; und ein Krimi in E-Form nimmt keinen unnötigen Platz weg. Argumenten folgen, sie bedenken, hin und her wenden – dafür ist der Bildschirm völlig ungeeignet.

Kurz: Ich lege eine Neubearbeitung vor, und zwar – dank dem Entgegenkommen des Verlags meiner Universität – in der traditionellen Form eines Buches.

Seit meinem Studium sehe ich es als die Aufgabe einer Einführung in eine Wissenschaft an, dass sie zu entfalten hat, was Studienanfänger in ihr Studium mitbringen, in meinen Fall also, was sie unter ›Erziehung‹ (und ›Bildung‹) verstehen. Gleichzeitig soll sie einen Überblick über das geben, was sie im weiteren Studium des Faches erwartet. Dabei dürfen Studenten von einer Veranstaltung zu Beginn ihres Studiums ebenso wie von einem ihr zugrunde liegenden Lehrbuch eher sichere Grundlagen erwarten als den neuesten Stand der Wissenschaft mit allem Drum und Dran und Wenn und Aber. Sie dürfen mit einer Erzählung rechnen, in der der Autor ihnen zeigt, wie man das alltäglich Bekannte neu und differenzierter sehen kann, als das für die Praxis des Alltag ausreichen mag; dass er sie in betrachtender, in theoretischer Einstellung vom Bekannten zum Unbekannten führt.

Solchen Erwartungen suche ich zu entsprechen. Dabei ziehe ich sehr unterschiedliche Helfer heran. Meist mache ich mir die Sache an einem Blick in das alltägliche Erziehungs-Leben klar – wie ihn Beobachtungen im Praktikum, in der Nachbarschaft, auch die Lektüre der Morgenzeitung ermöglichen. Gerne blicke ich auch in die Geschichte der Erziehung zurück, und zwar an den Ort, an der ein Problem zum ersten Mal mit Mitteln der Erziehung angegangen wurde. Auf Diskussionen in der Erziehungswissenschaft hingegen spiele ich eher an, als dass ich ausführlich auf sie einginge. Auf einiges, was dazu in der vorigen Auflage noch zu finden war, kann ich gut verzichten und verzichte ich deswegen auch. – Die üblichen Hinweise zu einem vertieften Studium findet man bei mir nicht. Das vertiefte Studium soll ja in eigens dafür bestimmten Lehrveranstaltungen stattfinden.

Man kann sich ›Einführungen‹ auch anders vorstellen, der Form und dem Anspruch nach. Sieht man einschlägige Vorlesungsverzeichnisse und -ankündigungen durch, so gewinnt man den Eindruck, dass ›Reader‹-Veranstaltungen die gängige Form sind: Zu Beginn werde ein ›Reader‹ mit den zu bearbeitenden Texten verteilt, kann man da lesen. Eine etwas elaboriertere Literaturgattung sind Handbücher, meist aus jenen heraus gewachsen: Experten für bestimmte Teilgebiete führen in bestimmtes Thema ein – oder tragen zusammen, was man für eine Prüfung wissen sollte; so genau wird da nicht immer unterschieden. ›Ringvorlesungen‹ sind die ihnen entsprechenden Veranstaltungsformate. Was für Vorzüge auch immer solche Sammlungen haben mögen: Ein entscheidender Nachteil ist, dass Studienanfänger sich den Reim: Was ist denn nun ›Erziehung‹? auf die ausgebreitete Fülle selber machen müssen, wo sie doch, bildlich gesprochen, das Reimen erst einmal lernen sollen. Ich gebe eine, und zwar meine Antwort und lade die Leser dazu ein, dass sie mir auf meinem Gedanken-Gang folgen.

Es gehört zur wissenschaftlichen Haltung, die Studenten im Studium ausbilden sollen, dass man das Wort des akademischen Lehrers kritisch aufnimmt. Der beste Weg der Ausbildung einer kritischen Haltung ist der Vergleich mit anderen Darstellungen derselben Sache. Aber erst sollte man die Sache erst einmal kennen, ehe man sich an die kritische Bearbeitung ihrer Darstellung macht. Es steht Jedem frei, in realen oder virtuellen Büchereien zu stöbern. Da wird man immer anregende Funde machen: Bücher oder Kapitel, in denen man das, was ich hier vortrage, aus einer anderen Perspektive, mit anderen Gewichten versehen, korrigiert oder widerlegt findet.