Vorwort

Vor einem Vierteljahrhundert habe ich ein Buch über den ›Unterrichtsinhalt‹ veröffentlicht. Damit hatte ich zum didaktischen Diskurs an einer Stelle beitragen wollen, die damals eher an dessen Rande als in seinem Zentrum lag. Die Frage nach den Bildungsinhalten konnte man nicht mehr als das Problem der Didaktik bezeichnen, als die sie zu Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gesehen worden war. Selbst der Begriff der ›Bildung‹ wurde, wenn überhaupt, ungern und mit spitzen Fingern verwendet. Das hat sich inzwischen geändert. Aber ›Inhaltsorientierung‹, ›nur kognitiv‹ oder ›verkopft‹ sind, wenn nicht geradezu Schimpfwörter, so doch Hinweise auf ein demonstratives Desinteresse. Das Problem ist geblieben, und zwar bis heute.

Sollte man die Inhalte nicht überhaupt den Fachdidaktiken überlassen, die sich inzwischen als eigene Disziplinen etabliert haben? Allemal dann, wenn es bestimmte Themen sind, die im Blick auf die Bearbeitung im Unterricht zur Debatte stehen: die Dampfmaschine, der Koran oder das Hundsveilchen, wenn nach deren Wert für die Bildung von jungen Menschen fragt, denen man sie im Unterricht vorsetzt. Was aber unter deren Bildung zu verstehen ist, unter der Kultur als dem Medium solcher Bildung? Solche Fragen müssen in der Didaktik, in einer allgemeinen Didaktik erörtert worden sein, ehe man sich näherhin über die technische, die religiöse oder die ökologische Bildung verständigt.

Seinerzeit hatte ich an die didaktische Diskussion der Mitte des vorigen Jahrhunderts angeknüpft. Ich habe lange überlegt, ob ich das so einfach wiederholen darf. Anders als damals verfügt die Erziehungswissenschaft heute über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Dokumentationen von Unterricht; geradezu spektakulär war in den neunziger Jahren die so genannte TIMSS-Video-Studie. Aber in deren Umkreis war es der Ablauf des Unterrichts, auf den sich die Bemühungen um eine Auswertung der Dokumentationen konzentrierten. Und angesichts der ›Reform‹emphase und ›Methoden‹euphorie heutiger Tage sehe ich den Punkt nicht, auf den ich mich beziehen könnte. Etwa all das zusammentragen, was inzwischen in der Didaktik erarbeitet worden ist? Das setzte jedoch das Vorhandensein eines Begriffs von Unterrichtsinhalt voraus, der doch gerade in Frage steht. Was den angeht, da ist die Lage kaum anders als seinerzeit. Also werde ich im Wesentlichen bei meinem alten Zugang bleiben – und weite Teile des alten Textes übernehmen, auch auf die Gefahr hin, dass der Stil, nicht jedoch der Gedankengang, an der einen oder anderen Stelle ein wenig inkonsistent sein mag.

Und wie soll ich mit den Bezugnahmen auf die erziehungswissenschaftliche Literatur verfahren? Sie dokumentieren den besagten Versuch, an die Diskussion in der Erziehungswissenschaft jener Tage anzuknüpfen. Kaum ein Titel hat in dem Sinne das vorige Jahrtausend überlebt, dass er sowie der Text, für den er steht, noch in Gebrauch wären. Alle auszutauschen wäre nur dann der Mühe wert gewesen, wenn ich grundlegend andere an ihre Stelle hätte setzen sollen. Hier und da mag das so sein. Aber die Referenzen sind ein Teil meiner Argumentation. Und wenn ich die im Wesentlichen beibehalte, dann sollte ich auch erkennen lassen, wem ich welche Anregungen zu danken habe.

Der Text ist als fortlaufender Gedanken- und Argumentationsgang geschrieben. Der Autor verspricht sich davon, dass Leser auf diesem Wege am besten in die Sache hinein finden. Da die Sache, der Unterrichtsinhalt, ihnen jedoch keineswegs neu ist, kann ich mir vorstellen, dass man – hat man sich mittels des einleitenden Kapitels erst einmal orientiert –, heutigen Lesegewohnheiten entsprechend, auch hier oder dort hin springen kann. Wenn sich jemand vorweg orientieren möchte, worum es geht: Nicht zuletzt dazu sollen die Beispiele dienen, die ich in einen Anhang aufgenommen habe.

Die neue Bearbeitung des Buches erscheint in anderer Form als die alte. Auch der Inhalt ist stark verändert. Ich habe einzelne Abschnitte gestrichen, dafür andere eingefügt. Das Meiste habe ich allerdings übernommen, habe es durchgesehen, gegebenenfalls hier etwas ergänzt und dort etwas korrigiert. Im Wesentlichen sind Konzept und Ausführung nicht verändert. Auch die Hoffnung auf weiterführende Auseinandersetzungen über die Sache habe ich noch nicht ganz aufgegeben.